Georg-Büchner-Preis für Josef Winkler

Categories:  Deutschsprachige Literatur, NZZ
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“Vor wenigen Wochen ist Josef Winkler mit dem Grossen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet worden, heute erhält er den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die bedeutendste literarische Auszeichnung des deutschen Sprachraums.” (NZZ, 01.11.2008)

Seltsam sind zuweilen die Entscheidungen der Deutschen Akademie, aber diesmal trifft’s keinen Falschen. Seit Franz Kafkas Tod wurde in keiner solchen Strudel-Sprache, Treibsand-Sprache mehr geschrieben, gefährlich, verstörend, belehrend. Seit mich 1990 Karnickel die Schlange Friedhof der bitteren Orangen hypnotisiert hat, verging mir kein Quartal ohne einige Seiten von Winklers Partizipialreihen: zum Lernen, zum Messen, zum Wägen, zum Zurechtweisen.

Die sprachliche Arbeit am Maelstrom schockiert beim Lesen und Wiederlesen, auch dort, wo Winkler seine Leitmotiv-Technik übertreibt (ernstlich nur im zehn Jahre alten Wenn es soweit ist), besonders dort, wo auf eine “Geschichte”, einen “plot” praktisch verzichtet wird (eigentlich überall außer in Natura morta von 2001, und selbst dort bilde ich mir den plot vermutlich nur ein).

Hut ab, Herr Winkler – Sie sind definitiv kein Scharlatan!

Im MP3-Format ein Auszug aus Roppongi von Winkler selbst gelesen: http://www.literaturport.de/index.php?id=28&tid=273&cHash=a2a3882a35

Im MP3-Format ein Auszug aus dem Zöglingsheft des Jean Genet, von Ulrich Janetzki gelesen: http://www.literaturport.de/index.php?id=28&no_cache=1&tid=270

Ursula K. Le Guin: The Shobies’ Story (1990)

Categories:  Englischsprachige Literatur, Kurzgeschichten, Science Fiction
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Science Fiction ist dort lesenswert, wo sie von den sozialen Folgen einer imaginierten Gesellschaftsentwicklung handelt. Dann ersetzt sie das “Es war einmal” des Märchens durch ein “Es könnte doch auch sein, dass” (für Fiktionen alternativer Geschichtsverläufe wie Otto Basils Wenn das der Führer wüsste) oder “Es wird einmal sein” (für Zukunftsfiktionen).

Das ist anspruchsvoll, braucht aber nicht unbedingt die Romanform, wie eine von Ursula Kroeber Le Guins Geschichten rund um den (imaginären) Planeten Hain zeigt: The Shobies’ Story, zuerst erschienen 1990 in der von Robert Silverberg (mit Karen Haber) herausgegebenen Universe-Reihe (S. 35 – 64).

Erzählt wird von der Forschungsreise von zehn Personen auf dem Raumschiff Shoby, wobei die Reise als anscheinend eine der ersten (“The Shoby was the fourth ship it had been tested with, using robot crew”, S. 38) mit der sogenannten Churten-Technologie erfolgen soll, einer Art von “Beam me up”-Technik zu Raumsprüngen “in no time at all”. Was genau das ist, bleibt ähnlich unklar wie etwa in der zeitgenössischen Physik quantenmechanische Phänomene (oder energetische Beschreibungen, um ein aggressiveres Beispiel zu bringen…), ist aber Gegenstand tastender Besatzungsgespräche. Folgende Auszüge verdeutlichen, dass die Quantenmechanik und unsere Deutungs- und Verständnisprobleme als Aufhänger gedient haben dürften, insbesondere Aspekte der vermeintlichen Beobachtungsabhängigkeit von Ereignissen, die auch nach achtzig Jahren zuweilen noch psychologistisch gedeutet werden.

For while he would speak only in negatives: don’t call it the churten “drive,” it isn’t a drive, don’t call it the churten “effect,” it isn’t an effect. (…)
“So the ship will be moved,” she said, “by ideas?” “No, no, no, no,” said Gveter. (…)
“It is not physical, it is not not-physical, these are the categories our minds must discard entirely, this is the khole (sic!) point!” (…)
“Message, information, no no no, that’s old (…) technology. This is transilience! Because the field is to be conceived as the virtual field, in which the unreal interval becomes virtually effective through the mediary coherence – don’t you see?” “No,” Lidi said, “What do you mean by mediary?”

Le Guin thematisiert die beiden Weisen von Verständnis einem Mechanismus oder Prozess gegenüber: “verstehen” kann einerseits “verstehen warum” heißen, andererseits “anwenden bzw. reproduzieren können”. Wenn ich wissen muss, was “Zeit” genau ist (ontologisch, erkenntnistheoretisch) im Rahmen meines Weltbildes, dann verstehe ich nicht, was Zeit ist; wenn ich hingegen “nur” damit umgehen können muss, verstehe ich sehr gut, was Zeit ist und kann sagen, wieviel davon vergangen ist, seit die Sonne zum letzten Mal aufgegangen ist.

Diese Erörterungen sind interessanterweise nicht einfach trockene theoretische Ausführungen der Erzählerin, sondern Teil der Gruppensozialisation der zehn Besatzungsmitglieder, im sogenannten “isyeye” vor dem Raumsprung:

the word is Hainish and means “making a beginning together,” or “beginning to be together,” or used technically, “the period of time and area of space in which a group forms if it is going to form.” A honeymoon is an isyeye of two.

Dazu nächstens mehr.

Grenzenlose Grenzen – Einkommen außer Rand und Band

Categories:  FAZ, NZZ, Wirtschaft & Finanzen

Wie weltfern Politik, Wirtschaft und Wirtschaftspolitik derzeit stehen, zeigt folgender von der Regierung allen Ernstes als “Beschränkung” und “Kontrollmaßnahme” propagierter Bestandteil des Banken-Rettungspakets, das die deutschen Steuerzahlenden, also die Verbraucher/innen und die (nicht börsennotierten, har har…) Unternehmen, mit immerhin zunächst 500 Mrd. EUR unterstützen werden:

Finanzminister Peer Steinbrück will demnach Ernst machen mit seiner Ankündigung, die Obergrenze für Managergehälter bei 0,5 Mio. € festzulegen. «Bei Geschäftsleitern und Aufsichtsorganen gilt eine monetäre Vergütung, die 500 000 € pro Jahr übersteigt, als unangemessen», zitierte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» aus dem Entwurf für eine entsprechende Verordnung. Zudem werde vorgegeben, dass «keine rechtlich nicht gebotenen Abfindungen bezahlt werden». Ferner dürften «Boni und andere in das freie Ermessen des Unternehmens gestellte Vergütungsbestandteile nicht gezahlt werden, solange das Unternehmen Stabilisierungsmassnahmen des Fonds in Anspruch nimmt». (NZZ, 20.10.2008)

500 Tsd. EUR jährlich – ach nee. Dolle Grenze.

Jede einzelne Deutsche kann mit 1000 EUR p.m. leben, mit 1500 EUR p.m. bequem leben und mit 2500 EUR p.m. sogar luxuriös leben. Nach Steuern und Krankenkassenbeitrag. Bei einem Spitzensteuersatz von 42% reden wir also ab einem Bruttoeinkommen von spätestens, allerspätestens 5 Tsd. EUR vom Überschreiten der Luxusgrenze.

Und nun wollen Schweindrück und Ferkel uns also mit einer “Grenze” von 50 Tsd. EUR abspeisen?
Ein wenig Realismus wäre angebracht, werte Vertreterinnen und Vertreter der Bundesregierung.

Ich erwähne in diesem Zusammenhang nur am Rande den von mir schon seit Jahren vorgeschlagenen Spitzensteuersatz von 99% für Einkommen ab 250 Tsd EUR, der prächtig die derzeitige progressive Besteuerung ergänzen könnte. Nur mit hohen Spitzensteuersätzen kann verhindert werden, dass einzelne Wortführende nahezu jegliches Kapital aus den Unternehmen abschöpfen und aus der eigentlich gemeinschaftlichen Angelegenheit “Investition” eine Privataffäre machen, in die sie sich nicht reinreden lassen. Es “muss sich wieder lohnen” (um eine beliebte Festzelt-Floskel aufzugreifen), die Gewinne im Unternehmen zu belassen, um “nachhaltig” (Floskel-Tag bei elbehnon) Forschung, Entwicklung und Lohnzahlung zu gewährleisten.

Aufrecht und harmlos für’s Vaterland

Categories:  Comic & Graphic Novel, Geschichte

Bevor Walt Kelly ab 1948 mit hintergründigem Humor das “linke” Unbehagen am Kalten Krieg und seinen US-innenpolitischen Auswüchsen im Pogo-Strip in Worte und Bilder fasste, hatte er – für mich überraschend – für einige Jahre das Feld der Tier-Cartoons verlassen, auf dem er in den Disney-Studios seit 1936 ein halbes Jahrzehnt gearbeitet hatte (bis heute populärste Ergebnisse seiner Disney-Zeit sind Dumbo und Fantasia).

Stattdessen hat er mit Our Gang für Dell Comics eine erfolgreichen Comic-Adaption der Little Rascals geschrieben, jener von Hal Roach Anfang der 20er ins Film-Leben gerufenen Jugend-Gang, die auch heute noch in Fernsehfeatures wie der Klamottenkiste zu sehen sind.

Bei Fantgraphics Books (Seattle, USA) wurden 2006 und 2007 drei Bände mit den Our Gang-Geschichten der Jahre 1942 bis 1946 von Gary Groth herausgegeben, chronologisch gesammelt und mit informativen Einleitungen ergänzt.

Die Charakterzeichnung entspricht den Little Rascals; die plots sind tendenziell ausgefeilter, “literarischer” und weniger auf Slapstick-Einlagen getrimmt.

Erwartungsgemäß sparte Walt Kelly nicht mit politischen Bezugnahmen, zumal ab 1944, nachdem MGM die filmische Verwertung ausgesetzt hatte: man befand sich in den letzten Kriegsjahren, und die patriotische Heimatfront musste multimedial gestärkt werden.
Buckwheat, Froggy, Janet, Mickey und Spanky stehen folgerichtig für ihr Vaterland ein, indem sie ihre Ersparnisse auf Kriegsanleihen und Rot-Kreuz-Spenden verwenden.

Einen unangenehmen Beigeschmack haben die offen rassistischen anti-japanischen Elemente: japanische Soldaten sind hässliche, hinterhältige Schurken, und wenn sich Mickey im Februar 1944 als Japaner verkleidet, gibt er sich ähnlich behindert wie Southparks Eric Cartman, wenn er 2008 einen Chinesen mimt – mit dem Unterschied, dass Cartmans Rassismus thematisiert wird, die Gang hingegen den Japaner-Hass qua Ressentiment ungebrochen propagiert.

Das verwundert um so mehr, als sich der ab Herbst 1948 produzierte Pogo durch eine herzerwärmende Rassenvermischung auszeichnet und die Figur der gutmütigen Beutelratte bereits 1942 erstmals in Erscheinung getreten war (in Animal Comics #1); im Rückblick wird schwer zu ermitteln sein, wer hier den oder die anti-japanischen Finger entscheidend ins Spiel brachte.

Im übrigen warten wir gespannt auf die für den 10. November angekündigte Veröffentlichung des ersten Bandes der Complete Pogo-Reihe, ebenfalls bei Fantgraphics, notwendig geworden, seit die Paperback-Editionen der ersten 90er-Hälfte weitgehend vergriffen sind.

Der Ruf nach der Herde

Categories:  Wirtschaft & Finanzen, Zeitungsschau

So schlecht scheint es nicht um die deutschen Banken zu stehen: die Liste der Teilnehmerinnen am Rettungspaket der Großen Koalition ist noch kurz. Ein erfreuliches Zeichen in diesen unsicheren Zeiten. Ein erfreuliches Zeichen?

“Von wegen”, blökt Siegfried Jaschinski, Präsident des Verbandes öffentlicher Banken und Chef der LBBW. Er fordert, die Rettungskredite attraktiver zu machen; vgl. dazu eine dpa-Meldung vom 23.10.:

Mit Blick auf das deutsche Rettungspaket forderte LBBW-Chef Jaschinski Anreize, damit das Paket für alle Institute attraktiv werde. Derzeit seien Nachteile für jene zu befürchten, die staatliche Hilfe in Anspruch nähmen. Es drohe der Abfluss von Geldern – “und das ist schädlich für mein Institut”, sagte Jaschinski, der auch Präsident des Bundesverbandes Öffentlicher Banken (VÖB) ist.

(Quelle: Oberpfalznetz)

Interessant: alle Banken sollen, unabhängig vom brisanten Bedarf, die Kredite in Anspruch und mithin die zwar wenigen, aber wenigstens doch vorhandenen Pferdefüße in Kauf nehmen, damit die stärker betroffenen Institute nicht erkennbar werden – und nicht von den Verbraucher/innen gemieden werden.

Lächerlich. Wieso soll, wer halbwegs stabil oder zumindest doch stabiler als die Konkurrenz gewirtschaftet hat, sich nun keine Wettbewerbsvorteile verschaffen dürfen, indem er oder sie weiterhin sauber bleibt?

Der Hintergrund der Stellungnahme liegt nahe:
Die LBBW, vom Spiegel unlängst als “Branchenprimus” tituliert, will mit der BayernLB fusionieren, Noch-Finanzminister Erwin Huber hat angeblich schon Zustimmung signalisiert (ohne die Details kennen zu können…). Und die BayernLB wird bekanntlich auf den Rettungskredit zurückgreifen müssen.